Z: Zeitarbeit

von Thomas Schulz (Kommentare: 0)

Die Beschäftigung von Zeitarbeitern kann ein geeigneter Weg sein, um temporäre Engpässe in Unternehmen aufzufangen. In einem meiner früheren Produktionsunternehmen haben wir regelmäßig auf Zeitarbeiter zurückgegriffen und immer zunächst aus dem Pool der Zeitarbeiter in die Festanstellung rekrutiert. Kein Zeitarbeiter war dort länger als ein Jahr als Zeitarbeiter beschäftigt.  Dies halte ich für eine vernünftige und ehrenwerte Vorgehensweise. Andere Unternehmen der Branche hatten bis zu 15 % Zeitarbeiter beschäftigt, über teilweise sehr lange Zeiträume, die Möglichkeit der Festanstellung war ein Lippenbekenntnis. Dies halte ich für eine nicht vernünftige Vorgehensweise. Von den teils gravierenden Missständen gerade auch in anderen Branchen will ich hier aber nicht sprechen. Denn es geht mir um die Chancen, nicht um die schwarzen Schafe. Deshalb rufe ich lautstark: Zeitarbeit ist ein geeignetes Instrument zur Flexibilisierung von Arbeit und ich kenne viele Beispiele, wo über diesen Weg – zum Teil auch hochqualifiziert – Menschen in die Festanstellung zurückgefunden haben.

Diese Chancen finden in der öffentlichen Diskussion kaum Beachtung. Dies auch deshalb, weil der Kampf um die Lufthoheit der Begriffe längst verloren ist. Was empfinden Sie beim Wort „Leiharbeit“? Welche Bilder haben Sie hingegen beim Wort „Zeitarbeit“ im Kopf? Genau: Leiharbeit ist böse, Menschen werden wie Sachen verliehen. Fremdbestimmt und verwerflich. Zeitarbeit hingegen ist neutral. Arbeit auf Zeit.

In der Öffentlichkeit wird fast nur von Leiharbeit gesprochen, achten Sie einmal darauf. Obwohl „Leiharbeit“ juristischer Unsinn ist (die Leihe ist unentgeltlich), findet dieser Begriff selbst in Urteilen des Bundesarbeitsgerichtes zuhauf Eingang. Ich erinnere gut eine Diskussion mit einem zuständigen Richter am BAG, den ich auf diesen Tatbestand mir erlaubte hinzuweisen. Er hatte darüber noch nicht nachgedacht. In den auch von ihm mitverfassten Urteilen herrscht eine babylonische Begriffsvermischung. Zeit- und Leiharbeit wird abwechselnd und synonym gebraucht. Erschwerend kommt hinzu, dass im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz von „Leiharbeitnehmern“ die Rede ist.  Also auch der Gesetzgeber – der der oberste Hüter unserer Sprache sein sollte – denkt zuweilen offensichtlich zu wenig nach.

Sie fragen sich, warum mir der bis hier dargelegte Sachverhalt so wichtig zu sein scheint? Weil er ein hervorragendes Beispiel dafür ist, wie die Sprache Denkweisen und Haltungen und somit Wirklichkeiten verändern kann!

Wer die Hoheit über die Sprache hat, hat die Hoheit über die Köpfe.

Ich erinnere mich gut daran, wie die Gewerkschaft der Bayerischen Milchindustrie bei einer der letzten Tarifrunden einen Flächentarifvertrag zur „Leiharbeit“ durchsetzen wollte. Das Thema war en vogue, die Öffentlichkeit fand „Leiharbeit“ schlecht, also sollten tarifliche Standards her. Mit der üblichen und zum Teil eindimensionalen Rhetorik wurden die wechselseitigen Argumente ausgetauscht. Am Ende fiel die Entgeltrunde etwas teurer aus und im Gegenzug wurde der Tarifvertrag „Leiharbeit“ vertagt. Insofern ein normaler Vorgang.

Was mich allerdings hochgradig überraschte, war die Tatsache, dass auch die meisten Arbeitgebervertreter in die Begrifflichkeit des Tarifpartners gewechselt hatten und immer von „Leiharbeit“ sprachen. Es war in die Köpfe meiner Arbeitgeberkollegen bereits heimlich übergesprungen, dass Zeitarbeit etwas Schlechtes ist. Wir haben nicht über Chancen gesprochen und verhandelt, wir haben eine Abwehrschlacht geführt. Mich hat diese fehlende Sensibilität für Sprache sehr beeindruckt. Auf meine einsamen Rufe haben einige Kollegen ihre Begrifflichkeiten ausgetauscht. Von Dauer war es freilich nicht, denn der Kampf um die Begriffe war längst verloren.

Und genau das ist mein Anliegen: Sprache verändert Denkweisen, Haltungen und damit Wirklichkeiten. Dies zu wissen und dies zu beachten, bedeutet einen riesigen Erkenntnisvorsprung.

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